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23.04.2026

Neue Reserve: Das Ziel ist klar, der Weg jedoch nicht

Strategiepapier des BMVg lässt Interpretationsspielraum offen

Mit der neuen „Strategie der Reserve“ (u.a. hier einsehbar) setzt das Bundesministerium der Verteidigung ein wichtiges Signal: Der Reserve wird nicht länger als bloße Ergänzung im Bedarfsfall verstanden, sondern als zentraler Baustein für Einsatzbereitschaft, Aufwuchs- und Mobilmachungsfähigkeiten der Bundeswehr. Das ist richtig. Und es ist längst überfällig.

Hierzu das Strategiepapier:
„Ohne eine leistungsfähige und schnell einsatzbereite Reserve wird die Bw [Anm.: Bundeswehr] ihren Kernauftrag nicht erfüllen können (...)“ 
Und weiter: „Die  ‚Neue Reserve’ (...) ist somit integraler Bestandteil der SK [Anm.: Streitkräfte] im Rahmen der militärischen Verteidigung.“

Bis 2029 werden 120.000 bis 140.000 beorderte Reservisten angestrebt. Bis 2032 sollen es sogar mindestens 180.000 sein. Aktuell umfasst die beorderte Reserve noch rund 60.000 Personen. 
Die „Neue Reserve“ soll attraktiv für Ungediente und ehemalige Soldaten, einsatzbereit und wirksam sein. Zu diesem Zweck sei sie „personell aufgefüllt“ und „umfassend befähigt“. Das Zielbild ist klar ausformuliert – der Weg dahin bleibt allerdings abstrakt.
Es drängen sich Fragen auf: Welche Maßnahmen steigern die Attraktivität? Wie werden Fähigkeiten tatsächlich in der Fläche erhalten, ausgebaut und schnell verfügbar gemacht?

Hier werden die Schwachpunkte der vorgestellten Strategie offenbar. Denn was bisher vorliegt, beschreibt zwar viele richtige Absichten, bleibt an den entscheidenden Stellen aber noch auffallend vage. Auch die öffentliche Rezeption fällt aufgrund dieser Leerstellen bisher eher kritisch aus. Konkrete Ergänzungsvorschläge sind jetzt dringend notwendig.

„Die Reserve wird nicht dadurch einsatzbereiter, dass man ihre Bedeutung in neuen Formulierungen würdigt. Sie wird einsatzbereit, wenn Reservisten im Ernstfall tatsächlich auf ihre Aufgaben vorbereitet sind. Dazu gehört selbstverständlich Ausbildung und das Festigen der erworbenen Fähigkeiten durch regelmäßige Übung“, so Frank Satzinger, Vize-Präsident des VDB und selbst Schießausbilder und Kompanieeinsatzoffizier seiner Heimatschutzkompanie.

Dazu gehört auch die ehrliche Außeinandersetzung mit den Engpässen, die jeder kennt, der sich mit der Reservepraxis befasst. Reservedienstleistung findet in der Realität nicht unter Idealbedingungen statt. Zeit ist knapp. Die Teilnahme erfolgt häufig freiweillig. Die Erfahrungen und Vorkenntnisse fallen sehr unterschiedlich aus. Ausbildungskapazitäten sind begrenzt. Selbst an Schießständen, an denen die zentrale Grundfertigkeit im Umgang mit der Waffe trainiert werden muss, mangelt es teils. Das Strategiepapier selbst benennt den Zeit-Faktor als wesentliche Herausforderung in Sachen Ausbildung.
Wer mehr aktive Truppe, mehr Heimatschutz und mehr Reserve will, kann nicht so tun, als ließen sich die dafür notwendigen zusätzlichen Kapazitäten einfach nebenbei organisieren. Genau auf diese praktischen Herausforderungen weist unser Positionspapier „Reserve stärken“ hin.

Unser Vorschlag ist dabei kein Gegenmodell, sondern praktischer Ergänzungsbaustein, der sich in eine der bereits beschriebenen Leerstellen nahtlos einfügen lässt. Denn wenn Deutschland eine einsatzbereite, belastbare Reserve will, dann muss es auch einen rechtssicheren Rahmen dafür schaffen, dass beorderte Reservisten individuelle Grundfertigkeiten außerhalb dienstlicher Veranstaltungen erhalten und vertiefen können – nicht als Ersatz für militärische Ausbildung, sondern als sinnvolle Ergänzung dort, wo der Alltag der Reserve bisher an erkennbare Grenzen stößt.

Der VDB begrüßt daher, dass die Reserve endlich als strategische Größe ernst genommen wird. Gleichzeitig wollen wir betonen, dass die Debatte nicht an der Oberfläche stehen bleiben darf. Die Strategie der Reserve sollte jetzt zügig um konkrete, praxistaugliche Instrumente ergänzt werden, um die ehrgeizigen – aber richtigen – Zielsetzungen auch wirklich erreichen zu können.